Gedanken zur Boxerzucht
Züchten heißt Verantwortung für die Rasse
übernehmen – für das einzelne Individuum ebenso wie für die Gesamtpopulation,
für die phänotypische Gesundheit der Welpen ebenso wie für die Erbgesundheit
und einen vielfältigen Genpool.
Gesundheit und
körperliche Leistungsfähigkeit des Boxers hängen untrennbar mit seinen
Gebrauchshundeeigenschaften zusammen. Schönheitsfehler hingegen haben einen Krankheitswert
von Null, und so steht außer Frage, welche Zuchtziele aus ethischen und
tierschutzrechtlichen Gründen unangefochten und kompromisslos an erster Stelle
stehen müssten. Eine Rassehundezucht, die vorrangig
den Ausstellungserfolg in den Mittelpunkt des Denkens und der züchterischen
Entscheidungen stellt, ist nicht mehr zeitgemäß.
Ganz sicher schlummert in der
gesamteuropäischen Boxer-Population ein großes positives Potenzial, sei es
hinsichtlich Gesundheit, Leistung oder auch Formwert.
Aber Zucht bedeutet immer Streben nach Verbesserung. Da wäre Zufriedenheit der
Feind des Fortschritts. Die Gesundheit unserer Boxer – nicht nur die
phänotypische, sondern vor allem die Erbgesundheit – gehört an die erste Stelle
aller züchterischen Überlegungen. Um einer weiteren Einengung des ohnehin
eingeschränkten Genpools entgegenzuwirken und auch
angesichts der heute Gott sei Dank grenzübergreifenden Zuchtrealität muss
gesamteuropäisch gedacht und gearbeitet werden. International verbindliche
Standards im Hinblick auf Zuchtwertschätzung und Gesundheitsuntersuchungen
unserer Zuchttiere zu schaffen, sollte oberste Priorität haben. Tiermedizin und
Genetik bieten mit den Möglichkeiten der heutigen Zeit bereits zahlreiche
wertvolle Angebote und Informationen, die von den verantwortlichen
Zuchtvereinen zumeist leider nur zögernd angenommen werden.
Aber trotz aller
Verbandzugehörigkeit: Die letzte Verantwortung für einen Wurf und für die
Welpen liegt beim jeweiligen Züchter, dem man im Zeitalter von Internet und
schrankenloser Telekommunikation durchaus zumuten kann, Informationen
einzuholen und Akzente zu setzen, die über die jeweilige Zuchtordnung seines
Landes eventuell auch hinausgehen. Jede Zuchtordnung stellt eine
Mindestanforderung dar. Darüber, dass die rassespezifischen Untersuchungen beim
Boxer auf HD, Spondylose und vererbbare Herzkrankheiten züchterischer Standard
sein sollten, muss man nicht mehr reden. Zudem sind auch Krankheiten wie OCD
oder Epilepsie, die zumindest teilweise genetisch bedingt sind, beim Boxer
anzutreffen, und die u.a. für die phänotypische Erscheinung der Juvenilen
Nierendysplasie mitverantwortliche COX-2-Mutation ist in der Rasse zu mehr als
60% verbreitet.
Eines der vorrangigsten Themen der heutigen
Zuchtstrategien sollte eine Vergrößerung des Genpools sein. Dem würde eine
radikale Einschränkung der erlaubten Deckakte der Rüden, und zwar auf
internationaler Basis, dienen, damit die Zuchtbasis breiter und der Genpool
vielfältiger werden. Es ist heute nahezu unmöglich, einen Boxer zu finden, in
dessen Stammbaum sich nicht die bekannten Popular Sires der 1960er, 70er und 80er Jahre finden. Und in 20
Jahren haben wir das gleiche Problem, dass es kaum
einen Stammbaum ohne die Top-Rüden unserer Zeit geben wird.
Boxerzucht erfordert unglaublich
viel persönlichen Einsatz und Leidenschaft. Der Züchter muss für den Boxer
arbeiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Das mag anstrengend sein, aber der
Boxer darf – gerade bei den Verantwortlichen in Zucht und Ausbildung, bei
Züchtern und Funktionären – nicht die schönste Nebensache der Welt sein,
sondern er muss der Mittelpunkt des Lebens und des Denkens sein. Nur mit dieser
Leidenschaft und der daraus entstehenden Kreativität kann dann auch wirklich
etwas für die Rasse erreicht werden.