Genetische Grundlagen
einer verantwortungsbewußten Zucht
„Für jeden Züchter sollte es
selbstverständlich sein, den Weg eines Gens durch aufeinanderfolgende
Generationen nachvollziehen zu können. Wenn er zu diesem Umgang mit genetischen
Abläufen in der Lage ist, kann er wenigstens in gewissen Grenzen Zuchtplanung
betreiben.“ (Dr. Helga Eichelberg, VDH)
Zusammenfassung nach einem Vortrag von Frau Univ. Prof.
Irene Sommerfeld-Stur
im Rahmen eines Züchterseminars der ÖKV-Akademie
Diagnostische
Sicherheit und Zuchtscreening
In
der aktuellen Situation der Hundezucht stehen wir vor der schwierigen
Gratwanderung zwischen der zunehmenden Bedeutung der Selektion gegen
Erbkrankheiten und der Tatsache, dass jede Form von
Selektion zu einer Verringerung der genetischen Varianz mit allen damit
verbundenen Problemen führt. Um Fehlerquellen in der Selektion durch falsch
positive oder falsch negative Befunde so gering wie nur irgend möglich zu
halten, ist der diagnostischen Sicherheit höchste Bedeutung zuzuschreiben. Zu
dieser Sicherheit gehören nicht nur bis ins Detail abgeklärte zuchtrelevante
Diagnosen beim Einzeltier, sondern gerade bei den für die Zucht so wichtigen Screening-Untersuchungen (darunter versteht man
Reihenuntersuchungen wie das HD- und Spondylose-Röntgen
oder die Echodoppleruntersuchung auf
Herzerkrankungen) ist auf höchste Qualitätsstandards zu achten. Während der
Tierarzt im normalen klinischen Alltag seine Entscheidungen zu Untersuchungen
und Behandlungen individuell auf das jeweilige Tier und seinen Besitzer
abstimmt, muss ein sinnvolles Zuchtscreening
mit einer standardisierten Untersuchungstechnik eine möglichst hohe
Wiederholbarkeit und Validität aufweisen. Zudem ist sicherzustellen, dass das Ergebnis nicht manipulierbar ist, Untersucher und Befunder über eine entsprechende Qualifikation verfügen und
ebenso wie die Techniken einer ständigen Qualitätskontrolle unterliegen. Dazu
haben sich längst internationale veterinärmedizinische Arbeitsgruppen gebildet,
die diese Standards gewährleisten, beispielsweise Mitglieder der HD-Zentralen
für das HD-Röntgen, der Arbeitskreis Veterinärophthalmologie
für Augenuntersuchungen oder Mitglieder des Collegium
Cardiologicum für Herzuntersuchungen. Hier treffen
beispielsweise auch genügend Erfahrungswerte zusammen, um eine an der jeweiligen
Rasse orientierte Grenze zu ziehen, ab der ein Merkmal als pathologisch
(krankhaft) zu bezeichnen ist, ein Punkt, der beim Boxer beispielsweise in der
Bewertung der Aortenstenose immer wieder kontrovers
diskutiert wird.
Vererblichkeit
einzelner Merkmale
Ein
weiteres wichtiges Stichwort ist die Heritabilität,
die Vererblichkeit eines Merkmals. Bei hoch heritablen
(erblichen) Merkmalen entspricht der Phänotyp weitgehend dem Genotyp, bei
niedrig heritablen Merkmalen hängt der Phänotyp auch
von den individuellen Umweltbedingungen ab. Somit ist ein diagnostischer Befund
nur dann züchterisch relevant, wenn das Ergebnis auch eine ausreichend hohe Heritabilität aufweist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass geschätzte Heritabilitätswerte
immer nur für die Population gelten, für die sie geschätzt worden sind. So
findet man z.B. für HD beim Boxer in der Literatur Werte für die Heritabilität zwischen 29% und 42%, für Spondylosekriterien
des Boxers findet man Heritabilitätswerte zwischen
13% und 62% – alles Werte, die eine
Selektion sowohl gegen HD als auch gegen Spondylose
sinnvoll und effizient erscheinen lassen.
Nur
die Spitze des Eisbergs: Erkrankung und genetische Belastung
Weiter
stellten die molekulargenetischen Untersuchungsmethoden einen Schwerpunkt der aktuellen
genetischen Diskussionen in der Hundezucht dar, und hier ergibt sich ein
erschreckendes Bild hinsichtlich der Anzahl der Anlageträger einer Rasse. Die
Merkmalsträger, also die Tiere, die bei rezessiven Erbgängen wirklich erkrankt
sind, stellen nur die Spitze eines Eisbergs dar, die genetische Belastung der
gesamten Population liegt um ein Vielfaches höher. Haben wir beispielsweise 5% phänotypisch erkrankter Tiere einer Gesamtpopulation, so
liegt die genetische Belastung der Rasse bei monogen
rezessiv vererbten Merkmalen bereits bei 36,5%. Da für eine Verbesserung der
Erbgesundheit unserer Rassehunde der Zuchtausschluss
der Merkmalsträger allein bei weitem nicht ausreicht, müssen auch alle
Möglichkeiten der Abklärung der genetischen Belastung von Zuchttieren genutzt
werden. Aus der Beachtung der Verwandten ergibt sich die vielfach genutzte
populationsgenetische Zuchtwertschätzung, deren Qualität und Aussagekraft aber
in weiten Teilen von der ehrlichen Kommunikation der Untersuchungsergebnisse
abhängt, die teilweise zumindest angezweifelt werden darf. Eine
Zuchtwertschätzung, in die nur die HD-A-Ergebnisse eingehen, während die D- und
E-Hüften zurückgehalten werden, kann ihren Sinn nicht erfüllen. Eine weitere
Möglichkeit bietet heute bereits bei diversen Erkrankungen die
molekulargenetische Erbfehlerdiagnose, die in jedem Lebensalter durchführbar
ist, genauen Aufschluss über den Genotyp des
einzelnen Tieres bietet und eine hohe Genauigkeit und Gültigkeit aufweist.
Molekulargenetische
Diagnostik
Qualität
und Aussagekraft dieser Gentests hängen von vielerlei Faktoren ab. Eine
wirklich sichere Methodik ist der direkte Nachweis des defekten Einzelgens. Problematischer sind die Kopplungsmarker, die
DNA-Abschnitte markieren, die mit den Defektgenen
gekoppelt sind. Hier ist die Aussagekraft umso
größer, je näher der Marker am eigentlichen Defektgen
sitzt. Vergrößert sich dieser Abstand, erhöht sich durch das crossing-over-Phänomen bei der indirekten Zellteilung (Meiose) die Wahrscheinlichkeit von Rekombinationsereignissen,
d.h., es kann vermehrt zu falsch positiven oder falsch negativen Befunden
kommen. Von immer größerer Bedeutung werden künftig auch die Grundlagen der genomischen Selektion sein, ein Verfahren zur
molekulargenetischen Diagnose polygener Defekte, das
von der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelt wird. In diesem
Verfahren, an dem derzeit auch für den Boxer gearbeitet wird, geben bestimmte
Markerkombinationen die Wahrscheinlichkeit an, mit der bestimmte Defektgene vorhanden sind.
Cox2-Mutation
beim Boxer: JRD-Test
Ein
Beispiel eines dominanten Erbganges mit unvollständiger Penetranz stellt der
unter dem Namen JRD-Test vieldiskutierte Nachweis der
Cox2-Mutation beim Boxer dar. Hierbei handelt es sich um den direkten Nachweis
des Defektgens, allerdings sind an der phänotypischen Ausprägung der Mutation als Nierendysplasie noch andere Faktoren beteiligt. Das
bedeutet, Tiere, die eine Cox2-Mutation tragen, können, aber müssen nicht
erkranken, können die Erkrankung in unterschiedlicher Ausprägungsform tragen,
geben aber je nach Genotyp das Defektgen an alle (bei
homozygotem Genotyp) oder einen Teil (bei heterozygotem Genotyp) ihrer
Nachkommen weiter. Wichtig sind die Aussagen, dass
Tiere, die keine Cox2-Mutation tragen, auch nicht an Nierendysplasie
erkranken können, während Tiere, die an Nierendysplasie
erkrankt sind, ALLE das Defektgen in homozygoter oder
heterozygoter Form tragen. Ziel sollte also in jedem Fall eine Reduzierung bzw.
Eliminierung der Defektgene in der Population sein.
Genetische
Varianz und Selektionsstrategien
Niemals
aber darf die Tatsache aus dem Blickfeld geraten, dass
jede Form von Selektion zu einer Einschränkung der genetischen Varianz führt.
Varianzverlust in der Hundezucht entsteht beispielsweise durch gezielte
Selektion auf erwünschte Rassemerkmale, durch Linienzucht, durch die gezielte
Selektion gegen Erbfehler und die intensive Nutzung einzelner Deckrüden (Popular Sire Syndrom). Die durch all diese Faktoren
wachsende Inzuchtdepression innerhalb einer Population geht mit einer Fitnessminderung einher, die sich in vielerlei Aspekten
zeigt: Die Fruchtbarkeit sinkt, die Lebenszeit verkürzt sich, Gesundheit und
Widerstandfähigkeit nehmen ab, und der Organismus verliert seine
Anpassungsfähigkeit an wechselnde und belastende Umwelteinflüsse:
Immunerkrankungen, Allergien und Krebserkrankungen nehmen zu.
Auf
dieser Gratwanderung zwischen der Verbesserung der Erbgesundheit und der
Erhaltung der genetischen Vielfalt kommt einer strategischen Zuchtplanung
höchste Bedeutung zu. Unter dem Motto „Nobody is perfect“ sollten im Rahmen rassespezifischer Selektionstrategien
Prioritäten gesetzt werden, indem einzelne Merkmale ihrer Bedeutung nach
gewichtet werden. Der Hund ist stets als Ganzes zu betrachten: Schwächere
Leistungen in einem Merkmal können durch besonders gute in einem anderen
kompensiert werden. Der Krankheitswert, sprich die Frage, wie schwerwiegend ein
Merkmal Gesundheit, Wohlbefinden und Lebenserwartung beeinflusst,
ist zu beachten und ebenso die Tatsache, dass
Schönheitsfehler einen Krankheitswert von Null haben. Macht man sich die Folgen
des Popular Sire Syndroms wirklich bewusst, trifft man dabei auf erschreckende Tatsachen, aus
denen die Feststellung folgt, dass eine
Decklimitierung die einfachste und wirksamste Möglichkeit zur Erhaltung der genetischen Varianz und zur
Vermeidung der Verbreitung von Defektgenen darstellt.
Wörtlich zitiert seien die fünf Punkte
der „Take Home Messages“:
1.
Grundlage
einer erfolgreichen Erbfahlerbekämpfung ist eine möglichst vollständige und
genaue Diagnose von Merkmalsträgern und genetisch belasteten Tieren.
2.
Zum
Einsatz kommen sollten im Idealfall standardisierte Screeningverfahren
mit hoher Aussagesicherheit, die in einem möglichst frühen Lebensalter gültige
Aussagen über ein Einzeltier ermöglichen.
3.
Zuchtstrategien
zur Bekämpfung von Erbfehlern sollten rassespezifisch und unter
Berücksichtigung der gesamten genetischen Situation einer Rasse erarbeitet
werden.
4.
Neu
in einer Population auftretende Erkrankungen sollten möglichst frühzeitig
registriert und bekämpft werden. Voraussetzung dazu ist eine exakte Diagnose
der Merkmalsträger und Dokumentation sowie Publikation der neuen Fälle.
5.
Zuchtstrategien
sollten unter Ausnutzung aktueller Erkenntnisse und neuer Entwicklungen im
Bereich der Populationsgenetik sowie im Bereich der Molekulargenetik erarbeitet
und bei Bedarf angepasst werden.
Kerstin Piribauer
Der Text wurde vor
der Veröffentlichung von Frau Prof. Sommerfeld-Stur
gelesen und freigegeben.