Auf dem Weg
zur genomischen Zuchtwertschätzung beim Boxer
Nachdem der deutsche
Boxerclub die molekulargenetischen Untersuchungen und Studien
für den Boxer an der
Tierärztlichen Hochschule Hannover nun unterstützt, beschränkt sich
der Aufbau der in
Hannover entstehenden Datenbank für den Boxer nicht mehr ausschließlich
auf HD, sondern
bezieht auch Spondylose, Aortenstenosen, Kryptorchismus und Juvenile
Nierendysplasie
(JRD)* ein.
Das Merkblatt zur Teilnahme finden Sie hier.
*Mit den JRD-Angaben
auf dem neuen Bogen sind die phänotypischen Merkmale gemeint,
d.h. hier wird
gefragt, ob der Boxer an JRD erkrankt ist oder nicht. Wenn zusätzlich
ein
genotypisches
Testergebnis zur COX2-Mutation aus Kanada vorliegt, bittet Herr Prof. Distl
(TIHO Hannover) darum,
dieses unbedingt ebenfalls anzugeben, da seinen Angaben zufolge
eine Zusammenarbeit
und Kooperation bzgl. JRD mit dem kanadischen Institut „dogenes“
und Dr. Mary Whiteley gegebenenfalls naheliegend sei.
Genomische Selektion in der Hundezucht
Vom Pilotprojekt zur praktischen
Anwendung
Die
Zucht auf Gesundheit hat in der Hundezucht einen herausragenden Stellenwert
erreicht. Bei allen Hunderassen werden inzwischen Gesundheitsmerkmale bei der
Auswahl der Zuchttiere und bei der Paarungspartnerwahl berücksichtigt. Die
Mehrzahl der Gesundheitsmerkmale wird von einer größeren Anzahl von Genen
beeinflusst. Diese Merkmale werden in der Genetik als komplex bezeichnet, da
nicht ein einziges Gen die Ausprägung der Krankheit bestimmt, sondern eine
Vielzahl von Genen mit jeweils unterschiedlicher Wirkung. Erfahrungsgemäß ist
mit der Zuchtauslese nach dem Gesundheitsstatus der Zuchttiere oder der Zuchtwertschätzung
über das BLUP-Verfahren eine Verbesserung der Gesundheitssituation nur nach
vielen Generationen Zuchtarbeit und somit nur sehr langsam zu erreichen. Mit
der genomischen Selektion (GES) hat sich diese Situation grundlegend geändert.
Es ist möglich, komplexe Gesundheitsmerkmale über dieses Verfahren züchterisch
zu verändern und einen signifikanten Zuchtfortschritt innerhalb weniger
Generationen ohne wesentliche Inzuchtzunahme zu erreichen. Da bei diesem
Verfahren die genetische Diversität einer Population darstellbar ist, kann
jederzeit der Grad der Diversität des einzelnen Tieres überprüft und bei der
Anpaarungsplanung mitberücksichtigt werden.
Grundlagen der
genomischen Selektion
Für
die GES wird aus einer Population eine repräsentative Anzahl von Tieren für die
Genotypisierung ausgewählt. Diese Stichprobe wird so zusammengesetzt, dass sie
zu 50% von der zu untersuchenden Krankheit eindeutig betroffene Tiere und zu
50% von dieser Krankheit freie Tiere enthält. Anschließend erfolgt eine Genotypisierung
mit einem Hochdurchsatzverfahren. Für den Hund steht hier ein 200K Illumina
Beadchip zur Verfügung. Mit dieser Technologie können ca. 200.000 Marker, in
diesem Falle SNPs (single nucleotide polymorphisms), in einem Reaktionsansatz
für jeweils 12 Tiere gleichzeitig bestimmt werden. Für diese Stichprobe werden
die Effekte der SNP-Allele auf die Krankheit geschätzt, und zugleich erfolgt
ein Filterprozess, um SNPs ohne Effekte auf die Krankheit zu eliminieren. Für
das Set relevanter SNPs wird dann eine Teststichprobe genotypisiert und die
Vorhersagekraft einschließlich deren Genauigkeit für den Phänotyp und den
Zuchtfortschritt überprüft. Anschließend kann die GES für die Selektion
angewandt werden. Wird in der Lernstichprobe die Variationsbreite einer
Population ausreichend erfasst, dann ist ein hoher Zuchtfortschritt bei
Anwendung der GES in kurzer Zeit zu erwarten. Die Höhe des zu erwartenden
Zuchtfortschritts in der Population kann direkt an den Ergebnissen der
Teststichprobe abgelesen werden.
Genomische Selektion
gegen Hüftgelenkdysplasie
Für
die Hüftgelenkdysplasie (HD) liegen bereits SNP-Sets für den Deutschen
Schäferhund vor und eine große Zahl von Genloci für die HD ist bereits bekannt.
Für die genetische Aufklärung der HD beim Deutschen Schäferhund wurden zunächst
über Kopplungsanalysen die Genombereiche identifiziert, in denen für HD
verantwortliche Gene lokalisiert sind. Die besonders bedeutsamen Bereiche mit
Genen für die HD des Schäferhundes liegen auf den Chromosomen 1, 3, 4, 8, 9, 16,
19, 26 und 33. Diese Bereiche konnten
auf eine Größe von ca. 5 Mb (5 Mio. Basenbausteine) eingegrenzt werden.
Für
die Entwicklung erster genomischer Zuchtwerte für HD wurden in diesen
Genombereichen eine sehr große Anzahl von SNPs entwickelt und auf ihre
Brauchbarkeit für die GES überprüft. Da möglichst in kausalen Genen liegende
SNPs in den genomischen Zuchtwert aufgenommen werden sollten, wurden
letztendlich nur 17 SNPs von 11 HD-Genomregionen ausgewählt. Diese 17 SNPs
wurden an 770 Hunden, die für die aktuelle Population der Deutschen
Schäferhunde repräsentativ sind, auf ihre Aussagekraft hin verifiziert. Diese
17 SNPs erwiesen sich als sehr genau und zuverlässig für die Vorhersage der HD.
Unabhängig von weiteren Informationen von verwandten Tieren stehen diese 17
SNPs in einer engen Beziehung zur HD. Somit eignen sich diese SNPs für die GES
gegen HD. Mittels dieser HD-SNPs wurden genomische Zuchtwerte für den Deutschen
Schäferhund entwickelt, die Vorhersagen zum Auftreten der HD im späteren Leben
erlauben und die Anpaarungsplanung für die Eltern verbessern. Dazu wurden
Referenzkurven für den Zusammenhang zwischen den genomischen Zuchtwerten, die
aus den individuellen SNP-Genotypen der Hunde abgeleitet wurden, und dem Risiko
für HD erstellt. Für den einzelnen Hund kann anhand dieser Kurven das durch den
individuellen Genotyp bedingte Risiko für HD auf einer Skala von -0,5 bis 0,5
bewertet werden. Für die spätere Zucht sagt der genomische Zuchtwert aus,
wieviele mit HD assoziierte Genvarianten (Allele) der Hund trägt und
weitervererben kann. Die genomischen Zuchtwerte können damit für die
Anpaarungsplanung verwendet werden, um die Verteilung der Risiken, das mittlere
Risiko und den best- und schlechtestmöglichen Fall für die Nachkommen berechnen
zu können. Mit einem entsprechenden Paarungspartner kann die Anzahl der mit
HD-assoziierten Genvarianten (Allele) in der Folgegeneration deutlich
vermindert werden.
Für
die Weiterentwicklung des SNP-Markersets haben wir mehr als 200 Deutsche
Schäferhunde an ca. 127.000 SNPs genotypisiert. Dafür haben wir den Affymetrix
GeneChip, Array version 2 full set (127.132 SNPs) verwendet. Aufgrund dieser
Analysen ließ sich das Markerset deutlich verbessern, so dass Zuverlässigkeiten
in der Vorhersagegenauigkeit mittels Teildatensätzen zwischen 70 und 85%
erreicht werden konnten.
Weiterentwicklung des
Markersets und Übertragbarkeit der genomischen Selektion auf andere Rassen
Mit
der Entwicklung des caninen 200K Illumina Beadchips ist es möglich, Analysen
über mehrere Rassen durchzuführen. Die hohe SNP-Dichte gewährleistet, dass in
den HD-Genombereichen genügend SNPs vorhanden sind, die bei verschiedenen
Rassen informativ sind, und somit mit Hilfe einer Referenzrasse (hier der
Deutsche Schäferhund) die GES für Rassen mit kleineren Populationsumfängen
realisierbar wird. Hierfür werden mindestens ca. 50 bis 150 Hunde mit Pedigree,
HD-Befunden und EDTA-Blutproben benötigt. Pro Hund sollten 3-5 ml EDTA-Blut zur
Verfügung gestellt werden. Die Auswahl der Tiere erfolgt aufgrund der Pedigrees
und sollte möglichst repräsentativ für die jeweilige Rasse bzw. Population
sein. Die Lernstichprobe wird so eingestellt, dass sie 50 % HD-freie und 50 %
Hunde mit leichter bis schwerer HD umfasst. Die Anzahl der Hunde für die
Lernstichprobe pro Rasse sollte bei Rassen mit sehr kleinen Tierzahlen bei 12
HD-freien und 12 von HD betroffenen Tieren liegen. Bei Rassen mit größeren
Populationsumfängen sollten 24 HD-freie und 24 von HD betroffene Tiere
verfügbar sein. Für ein erfolgreiches Projekt sollten sich mindestens 10-15
Rassen beteiligen. Der Erfolg des Projektes wird durch die Anzahl der
beteiligten Rassen mitbestimmt und die für HD bestimmenden SNPs sollten
aufgrund der bisherigen Überlegungen und Analysen schärfer zu fassen sein als
bei einer Analyse innerhalb einer einzigen Rasse. Dieser rassenübergreifende
Ansatz hat zugleich den Vorteil, dass die jeweils anderen Rassen als
Teststichproben verwendet werden können, und somit die Erarbeitung der GES und
die Austestung in einem Schritt ablaufen können. Das für die HD dargestellte
Verfahren der GES lässt sich in ähnlicher Weise auf andere Merkmale übertragen.
Empfehlenswert ist hierbei auch, eine Referenzrasse mit großem
Populationsumfang oder mehrere Rassen mit mindestens mittleren Populationsumfängen
miteinzuschließen. Die Patentierung des Verfahrens durch die Stiftung
Tierärztliche Hochschule Hannover sichert für Europa eine kostengünstige
Anwendung der GES beim Hund.
Projektablauf
Folgende
Schritte sind für die Projektdurchführung notwendig.
Aufbau des
Probenmaterials für die GES
(1)
Probensammlung von einer möglichst großen Anzahl von Hunden mit HD-Befunden
(2)
Regelmäßiges Überprüfen der Fortschritte in der Probenbereitstellung und
Ansprechen von Besitzern mit für die Rasse bedeutsamen Zuchttieren
(weitverbreitete Linien)
(3)
Überprüfen, inwieweit bereits gesammelte Proben oder Proben von Hunden im
Ausland einbezogen werden könnten
(4)
Ansprechen von Tierärzten, die eine größere Anzahl von Hunden der betreffenden
Rasse untersuchen oder als Klientel haben
(5)
Etablierung einer DNA-Bank durch den Rassehundezuchtverein
Aufbereitung der
Daten
(1)
Bereitstellen der Zuchtbuchdaten (Pedigree) und Befunddaten für die HD
(2)
Analyse der Verwandtschaftsverhältnisse und Populationsstruktur
(3)
Vorauswahl der Tiere für die Genotypisierung
Genotypisierung der
Hunde auf dem caninen 200K Illumina Beadchip
(1)
Extraktion der DNA und Qualitätskontrolle der DNA
(2)
Genotypisierung der Hunde von 10-15 Rassen
(3)
Qualitätskontrolle der Daten und Überprüfen der Markervariabilität nach Rassen
Analyse der Daten
(1)
Bilden von Rasseclustern
(2)
Analysen für die Entwicklung der GES
(3)
Überprüfen der Genauigkeit der Vorhersagen an Teststichproben
Übertragen der
Ergebnisse für die GES in die Praxis
(1)
Etablierung einer Routine für die Probenerfassung und Aufbewahrung
(2)
Einbindung in die Routine für die Probenerfassung
(3)
Datenrücklauf und Veröffentlichung der Ergebnisse
(4)
Entwicklung der GES für weitere Merkmale
Prof.
Dr. Ottmar Distl
Institut
für Tierzucht und Vererbungsforschung
Stiftung
Tierärztliche Hochschule Hannover
Bünteweg
17p
D-30559 Hannover
Tel.: 0511-953-8875
FAX: 0511-953-8582
E-mail: ottmar.distl@tiho-hannover.de