Canine Herpes-Infektion
Alptraum in der Wurfkiste: Welpensterben durch Herpes-Infektion
Die Geburt ist vorüber … alles
ist gut gegangen … Welpen und Hündin liegen ruhig schlummernd in der Wurfkiste
… ein Moment der Entspannung und des Glücks für jeden Züchter – eine Situation,
wie ein jeder sie sich mit seiner Hündin wünscht, die aber auch allzu schnell
ein jähes Ende finden kann, wenn eine der derzeit gefürchtetesten
Infektionskrankheiten zuschlägt: das canine
Herpes-Virus (CHV 1), das fast immer binnen weniger Tage zum Welpensterben
führt und in großen Züchterseminaren wie beispielsweise der Internationalen Züchtertagung im Juli 2008 an der Veterinärmedizinischen
Universität Wien immer wieder thematisiert wird.
Der canine Herpes-Virus 1 wurde in den 1960er Jahren
in den USA entdeckt und gilt seither neben verschiedenen anderen
Virus-Infektionen und bakteriellen Erkrankungen als Hauptursache eines
„infektiösen Welpensterbens“ in den ersten Wochen. Wie weit das Virus in
Österreich verbreitet ist, und wie hoch das Risiko für einen Wurf ist,
erläutert Frau Prof. Schäfer-Somi von der
Veterinärmedizinischen Universität Wien wie folgt: „Das Infektionsrisiko ist
dann hoch, wenn die Hündin das Virus sozusagen auf der Schleimhaut trägt bzw.
wenn es in der Scheide nachweisbar ist. Das kommt aber relativ selten vor. Die
Welpen infizieren sich dann während der Geburt. Sie können dies auch nach der
Geburt tun, der Krankheitsverlauf ist dann aber milder. Häufig wird das
Infektionsrisiko überschätzt, dann nämlich, wenn bei der Hündin nur ein
Antikörpernachweis im Blut gemacht wurde. Antikörper bilden sich aber nach
jedem Kontakt mit dem Virus und sehr viele Hunde haben einen positiven Titer, d.h. Antikörper im Blut, ohne dass
sie das Virus verbreiten. Nach einer Infektion bleiben die Tiere lebenslang
Träger des Virus, es verbreitet sich aber nur nach Belastungen, bei Stress, Schwächungen des Immunsystems oder im Zuge anderer
Infektionen, ähnlich wie beim Menschen. Es kann daher sein, dass
Antikörper nachweisbar sind, aber kein Virus in der Scheide. Diese Tiere können
dann ruhig zur Zucht verwendet werden. Praktisch heißt das, ein
Antikörpernachweis genügt nicht, um das Infektionsrisiko abzuschätzen, sondern
wenn sich die Frage stellt ob Herpes canis eine
Gefahr für die Welpen darstellt, muss bei der Hündin
vor der Deckung ein Tupfer aus der Scheide und ein direkter Virusnachweis
erfolgen. Das schützt auch den Rüden vor Ansteckung. Für den Rüden gilt das
gleiche, ein Antikörpernachweis heißt nicht ein erhöhtes Infektionsrisiko für
Hündin und Welpen, wohl aber der direkte Virusnachweis im Samen. Ist dieser
positiv, sollte mit dem Rüden nicht gedeckt werden. Generell ist es am
sichersten, die Hündin vor der Deckung gegen Herpes canis
zu impfen“.
Das canine Herpes-Virus in ist der heutigen
Hundepopulation weit verbreitet und wird beim direkten Kontakt mit infizierten
Hunden übertragen: beim alltäglichen Sozialverhalten auf der Hundewiese, beim
Deckakt, bei der Geburt, aber auch schon während der Trächtigkeit durch die
Plazenta auf die Früchte. Der bloße Kontakt mit dem Virus ist aber nicht mit
einer Infektion gleichzusetzen, nur bei einigen wenigen Tieren kommt es zur
Virusvermehrung und damit auch zu Problemen.
Beim
erwachsenen Hund verläuft die Infektionserkrankung nahezu unbemerkt und vor
allem unproblematisch: ein kleiner Schnupfen, der leicht übersehen wird, ein
paar unscheinbare Bläschen an den Genitalien, Symptome, die weiter keiner
Beachtung wert scheinen. Problematisch aber ist, dass
die Viren auch nach Abklingen der Symptome versteckt im Körper präsent bleiben
und wie bei der menschlichen Herpes-Infektion gerade in Stresszeiten
zu neuer Aktivität gelangen und in diesen akuten Phasen der Erkrankung dann zu
einer Infektionsgefahr für Hunde und Welpen in der Umgebung werden können.
Ausstellungen, der Deckakt, die Geburt – das alles können derartige auslösende Stresssituationen sein, die die Viren aktivieren, das
Infektionsrisiko steigen lassen und dann nicht nur zu Fruchtresorptionen,
Aborten und Frühgeburten, sondern eben auch zu der befürchteten Ansteckung der
Welpen in der Wurfkiste führen kann. Fazit für den Züchter ist damit, in erster
Linie jeglichen unnötigen Stress der Mutterhündin zu vermeiden
– eine gedeckte Hündin hat auf Aufstellungen und Prüfungen sicher nichts mehr
verloren! Darüber hinaus können eine vertrauensvolle Bindung, eine gute
Sozialisierung, vor allem aber eine treffgenaue professionelle
Decktagbestimmung und gegebenenfalls hundegerechte Reiseplanung jeglichen Stress beim Deckakt vermeiden. Danach gibt es eine Vielzahl
von Möglichkeiten, mit denen Züchter und Hündin sich gemeinsam auf das
bevorstehende große Ereignis der Geburt einstellen und vorbereiten können. Eine
wichtige Maßnahme ist dabei sicher die Impfung gegen Herpes canis,
die mittlerweile genügend erprobt und sicher für Hündin und Welpen ist.
Wenn man dann (fast) alles, was in unserer Hand liegt, richtig gemacht hat,
bleiben diese Stunden als eines der schönsten Erlebnisse unseres Lebens in
Erinnerung, in denen das Wort „Stress“ keinerlei
Bedeutung hat.
Trotz bester Vorbereitung und Fürsorge aber kann etwas schief gehen … trotz
aller Vorsicht kann eine Infektion der Welpen in den ersten Lebenstagen und
-wochen passieren, ein Zeitraum, in dem die Welpen so gut wie keine
Überlebenschance haben. Die erkranken Welpen verweigern das Saugen, wimmern und
schreien, leiden anfangs an gelblich-grünem, später an blutigem Durchfall und
sterben zumeist innerhalb von zwei Tagen nach dem Auftreten der ersten
Symptome. Als eine der ersten
Notfall-Maßnahmen gilt die Erhöhung der Temperatur in der Wurfkiste. Eine
Temperatur über 38 Grad Celsius tötet die Viren ab, so dass
ein gut temperiertes Wurfzimmer, wobei man natürlich auch das Wohlbefinden der
Mutterhündin nicht aus den Augenverlieren darf, durchaus als Prophylaxe
bezeichnet werden kann.
Die Klinik für Geburtshilfe der Vetmeduni Vienna empfiehlt bei Verdacht auf eine
vorliegende Herpes-Infektion der Welpen folgende Vorgangsweise: „Die Welpen
müssen sofort zum Tierarzt, sie brauchen dringend Wärme und Flüssigkeit. Die
Temperatur im Welpennest muss bis zum Eintreffen an
der Klinik auf ca. 38°C gehalten werden, dort wird die Temperatur in den
nächsten 24 h auf 33-35°C gehalten. Die Flüssigkeit, die den Welpen dringend
fehlt, muss auch durch Infusionen ersetzt werden, die
notfalls alle 30 Minuten gegeben werden. Das kann nur an einer Klinik gemacht
werden. Bis zum Eintreffen an der Klinik kann auch Käspappeltee
(Malve) oder Kamillentee alle 15 Minuten eingeflößt werden. Überlebt ein Welpe
die Infektion, bleibt bei vielen Tieren das Problem der Spätfolgen. Schlechte
Gewichtszunahme, Kümmern, Infektionsanfälligkeit, nervöse Störungen (sogenannte
Ticks) und Schäden an den Nieren können bleiben. Trotzdem wird bei jedem Welpen
eine Intensivtherapie versucht, die in einigen Fällen in den folgenden 24
Stunden zur Besserung führt. Die größten Chancen haben dabei jene Welpen, die
noch nicht ständig schreien. Ein moderner Therapieansatz bei Verdacht auf
Herpesinfektion ist die Verwendung von Interferon, das an der Klinik injiziert
wird“.
Seit
einigen Jahren besteht die Möglichkeit der bereits erwähnten Herpes-Impfung der
Mutter-Hündin. Diese ist nicht nötig, wenn vorher auf Antikörper oder Virus
getestet wurde. Sind keine Antikörper vorhanden, trägt die Hündin das Virus
entweder nicht in sich oder die Infektion befindet sich in einem so frühen
Stadium, dass noch keine Antikörper gebildet wurden
oder sie sind bereits wieder aus der Blutbahn verschwunden, da sich auch das
Virus zurückgezogen hat. Bei einem negativen Befund ist somit nach drei Wochen
eine erneute Blutuntersuchung mit Antikörperbestimmung notwendig. Bei positivem
Befund regt die Impfung, die unter Tiermedizinern immer noch diskutiert wird
und keineswegs durchgängig empfohlen wird, die Produktion schützender
Antikörper an. Frau Prof. Schäfer-Somi rät im Hinblick auf die Entscheidung Impfung
ja oder nein?: „Ich empfehle die Impfung für Hunde mit
positivem Antikörpertiter oder solche mit unbekanntem
Status oder wenn der Rüde nicht getestet wurde. Tiere mit positivem
Virusnachweis sollten zur Zucht nicht verwendet werden. Man impft einmal
während der Läufigkeit und ein zweites mal zwei Wochen vor dem Wurftermin. Das
schadet den Welpen nachweislich nicht und ist der einzige Schutz, den wir
derzeit haben. Man darf nebenbei auch nicht vergessen, dass
andere Keime, wie Streptokokken, Mykoplasmen oder Parvoviren viel häufiger Probleme machen. Hatte die Hündin
schon einmal Konzeptionsprobleme oder einen Abort oder lebensschwache Welpen,
sollte auf die rechtzeitige Auffrischung der Jahresimpfung geachtet werden und
rechtzeitig vor dem Decken auch ein Scheidentupfer zur Untersuchung auf
Bakterien und Mykoplasmen entnommen werden“.