Juvenile Nierendysplasie (JRD) beim Boxer

 

Wir danken Frau Prof. Sommerfeld-Stur von der Veterinärmedizinischen Universität Wien herzlich für die Erlaubnis, ihren Beitrag zu diesem Thema hier zu veröffentlichen.

 

Cox-2 und JRD beim Boxer

Irene Sommerfeld-Stur

 

Die JRD (Juvenile Nierendysplasie) ist eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung der

Nieren, bei der die Nierenglomeruli und -tubuli, die für die von der Niere zu leistende

Filterarbeit verantwortlich sind, in einem fötalen Entwicklungsstadium stecken bleiben. Damit

können sie nach der Geburt ihre Aufgabe nicht erfüllen.

 

Der Anteil der fötalen Filtereinheiten kann beim von JRD betroffenen Einzeltier recht

unterschiedlich hoch sein, die klinischen Konsequenzen ergeben sich aus dem Ausmaß

fötaler Strukturen. Ist nur ein geringer Anteil fötaler Strukturen vorhanden kann die Niere

ihre Funktion weitgehend erfüllen, größere Anteile fötaler Strukturen führen je nach dem

Ausmaß früher oder später zu Nierenversagen.

 

Eines der Gene, die an der Entwicklung der Niere entscheidend beteiligt sind, ist das Cox-2-

Gen. Es erfüllt seine Funktion fast ausschließlich während der Embryonalentwicklung, nach

der Geburt verliert es an Bedeutung bzw. hat es Funktionen in anderen Bereichen. Eine

Assoziation zwischen dem Cox-2-Gen und der Nierenentwicklung ist von anderen Spezies

bekannt. So weiß man, dass Mäuse, bei denen das Cox-2-Gen künstlich ausgeschaltet

wurde (Knock-Out-Mäuse) die Symptome einer Nierendysplasie zeigen.

 

Einer kanadischen Forschergruppe um Dr. Mary Whiteley ist es nun gelungen beim Hund

Mutationen im Cox-2-Gen nachzuweisen, die in einem ursächlichen Zusammenhang mit der

JRD bei verschiedenen Rassen stehen.

 

Es sind insgesamt drei Mutationen des ursprünglichen Wildtypgens, die gefunden wurden

und die bei Tieren mit nachgewiesener JRD in homozygoter oder heterozygoter Form

auftreten. Die mutierten Gene werden mit Nummern von 1 bis 3 bezeichnet, das Wildtypgen

wird mit „wt“ bezeichnet.

 

Es sind daher folgende Genotypen möglich

 

1) wt/wt

2) 1/wt

3) 2/wt

4) 3/wt

5) 1/1

6) 1/2

7) 1/3

8) 2/2

9) 2/3

10) 3/3

 

Da alle drei mutierten Gene in gleicher Weise in einem ursächlichen Zusammenhang mit

JRD stehen, und um in der Diagnostik die Schreibweise zu vereinfachen werden nur drei

Genotypen angegeben

 

Clear (entspricht dem Genotyp wt/wt)

 

Carrier (entspricht den Genotypen 1/wt, 2/wt, 3/wt)

 

Homozygot mutant (entspricht den Genotypen 1/1, 1/2 , 1/3, 2/2, 2/3, 3/3)

 

Das Problem, das beim züchterischen Umgang mit der Erkrankung und dem verfügbaren

Gentest berücksichtigt werden muss ist, dass im Fall des Cox-2-Gens kein einfach

rezessiver Erbgang vorliegt sondern ein dominanter Erbgang mit unvollständiger Penetranz

und unvollständiger Expressivität.

 

Das bedeutet folgendes:

 

Hunde, die sicher keine JRD haben sind Hunde mit dem Genotyp wt/wt (=Clear). Das

schließt aber nicht aus, dass sie eine Nierenerkrankung haben, die auf einer anderen

genetischen Grundlage beruht.

 

Hunde mit den übrigen Genotypen also „Carrier„ und „Homozygot mutant „ können JRD

haben, müssen aber nicht, können also auch gesund sein. Und wenn sie JRD haben,

können sie sie in unterschiedlichem Ausmaß haben. Sie können also von einzelnen fötalen

Glomeruli bis hin zu einer völlig funktionslosen Niere jedes Ausmaß an Dysplasie haben.

 

Aus dem Ergebnis des Gentests lässt sich also nur sagen ob sie eines oder zwei der

mutierten Gene tragen, nicht aber ob bzw. in welchem Ausmaß sie JRD haben.

 

Es wurde aber bei jedem Hund, der eine durch Biopsie nachgewiesene JRD

unterschiedlichen Ausmaßes hatte eines der mutierten Gene in homozygoter oder

heterozygoter Form nachgewiesen.

 

Es ist davon auszugehen, dass neben den mutierten Cox-2-Varianten noch andere Faktoren

für die individuelle Ausprägung einer JRD verantwortlich sind. Welche das sind, und ob hier

andere genetische Faktoren oder Umwelteinflüsse eine Rolle spielen ist zum jetzigen

Zeitpunkt nicht bekannt.

 

Die sicherste Möglichkeit beim einzelnen Hund festzustellen ob er an JRD leidet ist eine

Nierenbiopsie. Mit dieser Methode lässt sich sehr früh feststellen ob bzw. in welchem

Ausmaß fötale Filterstrukturen vorhanden sind. Diese Untersuchung muss nur einmal im

Leben eines Hundes gemacht werden. Da das Cox-2-Gen ja nur während der

Embryonalzeit die Nierenentwicklung beeinflusst, ändert sich nach der Geburt am Ausmaß

der fötalen Strukturen nichts mehr.

 

Die Nierenbiopsie erlaubt beim einzelnen Hund auch eine prognostische Einschätzung der

klinischen Konsequenzen. So ist ab einem Anteil von etwa 25% fötaler Strukturen mit einer

eingeschränkten Lebenserwartung zu rechnen. Liegen weniger als 10% fötale Strukturen

vor, bleibt der betroffene Hund in aller Regel symptomlos.

 

Die zweite Möglichkeit einer klinischen Diagnose der JRD, die aber wesentlich unsicherer ist

und weit später eine Aussage gibt ist ein Nierenmonitoring durch eine Urinuntersuchung auf

Proteinurie bzw. eine entsprechende Blutuntersuchung.

 

Nach aktuellem Stand sind bisher 150 Boxer auf die Cox-2-Mutationen hin untersucht

worden.

 

Davon wurden:

 

58 mit Clear

 

56 mit Carrier

 

36 mit homozygot mutant

 

befundet.

 

Diese Befunde zeigen eine bereits erschreckend hohe Verbreitung der Mutationen in der

Population.

 

Wollte man nun den sichersten Weg gehen und ausschließlich Tiere mit dem Befund „Clear

in der Zucht einsetzen würde das einen Zuchtausschluss von etwa 60% der Population

bedeuten. Da beim Boxer ja auch noch diverse andere genetische Probleme vorliegen, wäre

diese Vorgehensweise sicher nicht unproblematisch.

 

Es wären daher folgende Schritte zu empfehlen:

 

1) Jeder zur Zucht vorgesehene Boxer sollte auf seinen Genotyp im Cox-2-Gen

untersucht werden.

 

2) Boxer mit dem Befund „Clear“ können zur Zucht eingesetzt werden und sollten auch

bevorzugt zu Zucht eingesetzt werden, auch wenn sie Schwächen in anderen

Merkmalen zeigen. Dabei sollte immer der Krankheitswert jedes Merkmals beachtet

werden. Reine Schönheitsfehler haben einen Krankheitswert von Null und sollten bei

Boxern mit dem Genotyp „Clear“ vernachlässigt werden.

 

3) Paarungen sollten bevorzugt zwischen Boxern mit dem Genotyp „Clear

durchgeführt werden. Jede andere Paarung kann zu Nachkommen mit dem Genotyp

„Carrier“ oder sogar „Homozygot mutant“ führen, die JRD haben können.

 

4) Züchterisch wertvolle Boxer mit dem Genotyp „Carrier“ sollten soweit möglich durch

Verwandte (Geschwister, Nachkommen) mit dem Genotyp „Clear“ ersetzt werden.

 

5) Wenn Boxer mit dem Genotyp „Carrier“ zur Zucht eingesetzt werden, sollten sie

ausschließlich mit dem Genotyp „Clear“ angepaart werden. Unter den Nachkommen

sollten dann von Anfang an jene für die Weiterzucht ausgesucht werden, die den

Genotyp „Clear“ haben. Bei Boxern mit dem Genotyp „Carrier“, die zur Zucht

verwendet werden sollen, könnte man durch eine Nierenbiopsie abklären ob, bzw.

wie viele fötale Glomeruli sie haben. Ein Zuchteinsatz ist dann eher vertretbar, wenn

entweder keine oder nur ganz wenige fötale Strukturen nachweisbar sind. Beim

Lhasa Apso ist es z.B. langjährige züchterische Praxis Hunde mit einem Anteil von

mehr als 15% fötaler Nierenstrukturen nicht zur Zucht zuzulassen.

 

6) Sollte eine Nierenbiopsie nicht akzeptabel sein, sollte zumindest kurz vor jedem

Zuchteinsatz eine Urinuntersuchung auf Proteinurie gemacht werden.

 

7) Boxer mit dem Genotyp „homzygot mutant“ sollten nach Möglichkeit überhaupt nicht

zur Zucht verwendet werden. Wenn doch gelten für sie dieselben Empfehlungen wir

für Boxer mit dem Genotyp „Carrier“.

 

8) Eine Untersuchung des Cox-2-Genotyps empfiehlt sich übrigens auch für Hunde, die

nicht für die Zucht vorgesehen sind um das Vorliegen einer JRD entweder

weitgehend auszuschließen (Befund „Clear“) oder beim Nachweis von mutanten

Allelen in homozygoter oder heterozygoter Form durch Nierenbiopsie oder andere

klinische Untersuchungen abklären zu können ob beim individuellen Hund eine Form

der JRD vorliegt. Für den Fall, dass der Hund tatsächlich von JRD betroffen ist

besteht dann die Möglichkeit durch entsprechende Fütterung bzw. andere

therapeutische Maßnahmen die Entwicklung eines Nierenversagens so weit wie

möglich hinauszuzögern.

 

9) Das langfristige Ziel für die Zuchtpopulation sollte in jedem Fall die Eliminierung bzw.

eine starke Reduzierung der Cox-2-Mutanten sein.

 

JRD ist eine Erbkrankheit, die für die betroffenen Tiere einen extrem hohen Krankheitswert

haben kann. Betroffene Hunde und betroffene Besitzer sind in so einem Fall einem hohen

Leidensdruck ausgesetzt. Die Züchterschaft sollte daher alles unternehmen um das Risiko

für das Auftreten von JRD zu reduzieren.

 

Irene Sommerfeld-Stur

 

 

 

Weitere Ausführungen und Aktuelles zum Thema:

 

Der kanadische Test wurde im Januar 2010 zum Review-Verfahren eingereicht. Mit einer Publikation ist also innerhalb der nächsten Monate zu rechnen.

 

Parallel zum kanadischen Test laufen Gen-Forschungen zur JRD beim Boxer an der Universität Uppsala (Schweden) in Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Universität. Bei diesen Arbeiten ist man ersten Informationen zufolge offenbar auf eine weitere für die JRD verantwortliche genetische Konstellation gestoßen, die sich nach derzeitigem Forschungsstand rezessiv vererbt. Wir werden auch diese Arbeiten weiter beobachten und über neue Ergebnisse informieren. Derzeit hoffen wir, daß die schwedischen Forschungsergebnisse eventuell weiterführen könnten, die über COX-2 hinausgehenden bisher unbekannten Faktoren, die zur Auslösung der Erkrankung führen (s. Ausführungen von Frau Prof. Sommerfeld-Stur), zu finden.

 

Den kanadischen Test können Sie direkt unter www.dogenes.com bestellen oder im Rahmen einer günstigeren Sammelbestellung gemeinsam mit anderen Züchtern. Für weitere Informationen zum gesamten Thema stehen wir Ihnen unter info@gesunder-boxer.com gerne zur Verfügung.