„Eine
Krebserkrankung ist kein Mysterium“
Drei
Jahre vergleichende Krebsforschung
Die
Tumortherapie nimmt bei Tieren ähnlich wie in der Humanmedizin einen immer
größeren Stellenwert ein. Noch im letzten Jahrzehnt waren veterinärmedizinische
Behandlungsmöglichkeiten gegen Krebs beim Tier begrenzt, obwohl 45 Prozent
aller Hunde und 30 Prozent aller Katzen, die älter als zehn Jahre werden, an
Krebs sterben. Neben chirurgischen Eingriffen ermöglichen heute Bestrahlungs-
und Chemotherapie, diese Erkrankung auch beim Tier erfolgreich zu behandeln und
das Leben der Patienten bei hoher Lebensqualität zu verlängern. Dennoch stand
die Veterinäronkologie lange Zeit im Schatten der Humanonkologie, bis sich in
den letzten Jahren auf internationaler Ebene zunehmend die Erkenntnis
durchsetzte, dass das gemeinsame Entwickeln neuer
Strategien gegen Krebs, sei es therapeutisch oder präventiv, weit effektiver
ist, dass die gemeinsame Arbeit von Veterinär- und
Humanmedizin viele Fragen zum Thema Krebs schneller beantworten kann und
insbesondere bei Hunden zu verbesserten und bahnbrechenden Therapien führt.
Als
Univ.-Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Wegbereiterin
der AllergoOnkologie beim Menschen, Univ.-Prof. Dr.
Edgar Selzer, Onkologe an der Medizinischen
Universität Wien, und Dr. Michael Willmann, Onkologe an der
Veterinärmedizinischen Universität Wien, im November 2007 den Verein „RotePfote – Krebsforschung für das Tier“ gründeten, war
dies der erste Schritt einer interdisziplinären Zusammenarbeit im Bereich
Krebsforschung und Entwicklung neuer leistbarer Therapien für Tiere in Europa,
der sich als bahnbrechend und wegweisend erweisen sollte.
Anlässlich des dreijährigen Bestehens
des Vereins „RotePfote – Krebsforschung für das Tier“
gab Dr. Michael Willmann im Gespräch einen tiefen Einblick in die Arbeit des
Vereins und den aktuellen Stand der veterinärmedizinischen Onkologie.
Drei Jahre RotePfote!
– Was wurde in den ersten drei Jahren Vereinsarbeit erreicht?
Dr.
M. Willmann: „Zum einen haben wir natürlich wissenschaftliche Ziele verfolgt,
zum anderen aber ist es uns auch gelungen, in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass
Hunde genauso Tumoren entwickeln können wie Menschen. Wir haben ein besonderes
Feedback aus dem humanmedizinischen Bereich bekommen und gerade hier viele
Partner dazugewonnen. In den drei Jahren RotePfote haben wir zusammen mit der Medizinischen
Universität Wien eine sehr effiziente Entwicklungsarbeit geleistet. In diesem Schulterschluss gehen wir nun in der Forschung weiter und
verfolgen gemeinsam unsere Ziele, denn es gibt bei Mensch und Hund
Tumorerkrankungen, die absolut vergleichbar sind.“
Entschlüsselung
des Hundegenoms als entscheidende Voraussetzung
Das Jahr 2005 brachte die
entscheidende Voraussetzung für diese vergleichende Forschung: Als das Genom
des Hundes an einer Boxerhündin namens Tasha
entschlüsselt wurde, bedeutete dies eine Revolution für die Kynologie
und das Zuchtgeschehen, deren Ausmaß auch heute, fünf Jahre später, erst
ansatzweise zu überblicken ist. Die vergleichende Krebsforschung für Tier und
Mensch basiert in weiten Teilen auf diesen Erkenntnissen.
Dr.
M. Willmann: „Seit der Entschlüsselung des Hundegenoms wissen wir, dass Hund und Mensch sich viel ähnlicher sind als
artifizielle präklinische Maus- und Rattenmodelle, sodass wir hier in der gemeinsamen Entwicklung von
Medikamenten viel erreichen können. Wir wissen in der Krebsforschung viel, aber
noch lange nicht alles. Wir kennen viele Mechanismen, die zu Krebs führen, wir
wissen, warum sich Tumorzellen ungehemmt teilen und keinen geplanten Zelltod
mehr haben, wie dies bei einer gesunden Zelle der Fall ist. Die gesunde Zelle
altert und wird regeneriert, die Tumorzelle altert nicht. Sie wächst weiter,
teil sich immer wieder und kommt nicht mehr zum geplanten Zelltod. Diese
Signalwege innerhalb der Zelle sind intensiv erforscht. Man weiß heute, wo man
ansetzen kann, um gezielte Tumortherapien zu entwickeln.
Wenn
man nun die Mutationen, die zu einem Tumor führen können, bei Mensch und Hund
vergleicht, kommt man wesentlich schneller zu einem Ergebnis. Es gibt
unterschiedliche Mutationen, die zum gleichen Tumor führen, obwohl sie an einer
anderen Stelle nachweisbar sind, und es gibt vergleichbare Mutationen, die zu
unterschiedlichen Ausprägungen eines Tumors führen. In der vergleichenden
Forschung bekommt man dann sehr schnell die Information, welche Mutationen
kausal mit der Tumorerkrankung im Zusammenhang stehen und welche dieser
Mutationen zum Beispiel einen Wachstumsfaktor betreffen und regulieren. Wir
wissen aber, dass eine einzelne Mutation oft nicht
ausreicht, um eine Veränderung im Organismus auszulösen. Das gilt auch für
Tumorerkrankungen. Es gibt Regulatorien, die den
Tumor auslösen oder eben nicht, und wenn man Mensch und Hund hier vergleichend
betrachtet, kommt man wesentlich schneller voran. Das ist der große Vorteil,
und in diesem Bereich haben wir im europäischen Forschungsbereich sehr viel
Aufklärungsarbeit leisten können. Sowohl an der Medizinischen als auch an der Veterinärmedizinischen
Universität Wien wurde vergleichende Onkologie und allgemein auch die
vergleichende Medizin in die Entwicklungspläne der Universitäten aufgenommen,
und es wird in naher Zukunft an beiden Universitäten eine eigene Professur für
diesen Bereich geben. Das sind Dinge, die wir mit RotePfote
im wissenschaftlichen Bereich initiieren konnten.“
Neben dieser Bewusstseinsbildung und dem Aufzeigen neuer Wege der
vergleichenden Forschung stehen konkrete Studienprojekte, die RotePfote fördert.
Dr.
M. Willmann: „RotePfote konnte zwei Projekte fördern
und mitfinanzieren. Da ist zunächst die klinische Studie, in der wir gegen das Mammakarzinom impften. Die Studie ist noch nicht ganz
abgeschlossen, und man sollte vor der endgültigen Fertigstellung auch keine
Aussagen treffen, aber meinem persönlichen Eindruck folgend geht dieses Konzept
auf, und man wird in Zukunft auch in der Veterinärmedizin tatsächlich gegen
Krebserkrankungen therapeutisch immunisieren können. Diese Entwicklung ist
bereits weit fortgeschritten. Eine therapeutische Impfung gegen Krebs ist in
Amerika bereits zugelassen und kommt jetzt auch nach Europa. Sie ist für die
Behandlung des oralen Melanoms beim Hund geeignet. Das ist die erste aktive
Immunisierung, die uns zur Verfügung steht. Es handelt sich um eine DNA-Vakzine, die sehr aufwendig hergestellt und dann als
therapeutische Tumorimpfung verabreicht wird. Das Konzept ist unserer Mammakarzinom-Studie sehr ähnlich.“
Therapeutische
Tumorimpfung
Was passiert bei dieser Form
einer Impfung? Wie kann der Tumor dadurch beeinflusst
werden?
Dr.
M. Willmann: „Wir haben ein Tumor-assoziiertes Antigen als Grundlage der
Immunisierung verwendet, wie es im Humanbereich therapeutisch üblich ist. Das
heißt, der humane Krebspatient bekommt therapeutische Antikörper. Normalerweise
erkennt das Immunsystem jede Fremdzelle. Wenn an der Zelloberfläche nun ein
Eiweiß auftritt, das nicht physiologisch ist, dann zerstört die körpereigene
Abwehr diese Zelle. Das wäre der Plan, und das passiert mehrere tausend Male
jeden Tag in einem gesunden Organismus. Zellen, die bei der beständigen
Regeneration fehlgeleitet sind, müssen sofort abgewehrt werden. Wenn aber unser
Abwehrsystem zum Beispiel geschwächt ist, oder die Tumorzellen sich maskieren,
dann wird der Organismus gegen die Tumorzelle tolerant. Mit der Impfung wollen
wir diese Immuntoleranz durchbrechen, das heißt, die Antikörper binden am
Fremdeiweiß der Krebszelloberfläche und geben unserer Immunabwehr neuerlich das
Signal: Diese Zelle ist fremdartig – töte sie ab! Diese Antikörper kann man herstellen
und dem Körper zuführen, wie es heute in der Humanmedizin als Tumortherapie
geschieht, oder man verwendet das Fremdeiweiß als Impfstoff, und der Organismus
produziert selbst gegen dieses Fremdeiweiß Antikörper wie gegen eine
Viruserkrankung. Diese Antikörper suchen dann nach Fremdeiweißen, die sie
sofort kennzeichnen und sozusagen für die Abwehr präsentieren. Und dann wird
die Krebszelle abgetötet. Das ist das Ziel einer aktiven Immunisierung: dass der Körper die Antikörper selbst produziert und man
sie nicht synthetisch herstellen muss. Letzteres wäre
in der Veterinärmedizin nicht leistbar. Darum haben wir diese Impfung auch vom
Verein RotePfote gefördert. Wir sagen, Projekte
können nur dann gefördert werden, wenn es eine relevante Chance gibt, dass das Medikament für den Hund geeignet ist. Dazu muss es auch immer eine Chance geben, dass
die Therapie am Ende auch leistbar ist.
Immunglobulin E als Tumorschutz und künftig
als Therapie
Als
zweites sehr aufwendiges Projekt unterstützte RotePfote
die Arbeit einer Kollegin aus Peking, die ein Stipendium des Eurasia-Pacific Uninet für die
Charakterisierung von Immunglobulin E (IgE) des Hundes erhielt. IgE
spielt aber nicht nur im Bereich der Onkologie, sondern auch in der
Allergologie eine wichtige Rolle. So weiß man heute, dass
Menschen oder Hunde mit Allergien ein Übermaß an IgE
im Körper bilden. In diesem Zusammenhang gibt es aus der Humanmedizin den
klaren Hinweis, dass ein Mensch mit einer Allergie
wahrscheinlich aufgrund des hohen IgE-Spiegels im Körper
viel seltener Tumorerkrankungen entwickelt. Diese Patienten scheinen gegen
Tumoren geschützt, weil dieses IgE physiologisch die
Wirkung hat, jedes Antigen zu präsentieren, das heißt, wenn eine fehlgeleitete
Tumorzelle sich im Körper befindet, ist dieses Immunsystem viel aktiver,
hellwach, und reagiert wegen des hohen IgE-Spiegels
viel aggressiver. Leider aber auch manchmal überschießend wie bei einem
Wespenstich. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass man
dieses Wissen um die Funktion von IgE als Tumortherapie
einsetzen könnte, dass wir also eine über diese Immunglobuline vermittelte Abwehr gegen Tumoren anwenden.
Das ist eines unserer prioritären zukünftigen
Forschungsziele. Die Kollegin aus China war dafür ein Jahr in Österreich. Sie
konnte nicht nur IgE des Hundes charakterisieren,
sondern auch IgE gegen tumorspezifische Antigene des
Hundes herstellen und diese Daten international präsentieren. Dieses Projekt
war ein großer Erfolg und bietet die Grundlage für neue Behandlungsmethoden
gegen Krebs.
Darüber
hinaus gibt es ein drittes, noch relativ junges Projekt, das sich wieder mit
dem Mammakarzinom beschäftigt, genauer gesagt mit
einem zweiten Zielprotein, das beim Menschen heute bereits eingesetzt wird. Das
ist ein Wachstumsrezeptor, der sozusagen unkontrolliert das Signal zum Wachstum
gibt: HER2/neu. Die bisherigen Daten zeigen, dass
dieser Wachstumsrezeptor bei Mensch und Hund eine Übereinstimmung von 99
Prozent hat und damit eine Therapie bei Hunden ebenso einsetzbar wäre.“
Was kann man tun, um dieses
Wissen und die daraus entstehenden Möglichkeiten in die Praxis des
Haustierarztes zu transportieren?
Dr.
M. Willmann: „In vielen veterinärmedizinischen Universitätskliniken aber auch
spezialisierten Kleintierkliniken in Europa ist schon sehr viel möglich. Wir
können hier den meisten Tumorpatienten helfen – vor allem, wenn man den Tumor
früh diagnostiziert – und ihn idealerweise auch
heilen. Man müsste aber zuerst einmal auf die
Präventivmaßnahmen schauen. Es gibt nach wie vor den Tierarzt, der sagt: ,Hier ist ein Knoten in der Haut. Nichts machen, abwarten.‘ Und nach einem Jahr stellt sich heraus, dass es ein bösartiger Tumor ist, und alles ist schon viel
zu spät. Zudem hört man nach wie vor: ,Wenn es ein
bösartiger Tumor ist, können wir nichts dagegen machen, dann müssen wir den
Patienten gehen lassen.‘ Und dann gibt es den Tierbesitzer, der sich im
Internet informiert hat und sagt: ,Alle Therapien, die
es für den Menschen gibt, gibt es auch schon für den Hund. Ich möchte eine
vergleichbare Therapie auch für meinen Hund.‘ Wir sind
daher in Österreich dabei, ein veterinäronkologisches Netzwerk zu entwickeln,
in dem flächendeckend Kompetenzzentren entstehen, die sich mit uns
zusammenschließen. Wir sind als Universität der zentrale Ansprechpartner und
die Ausbildungsstelle und kommen dann idealerweise
viermal im Jahr mit den Kompetenzzentren zusammen, um gemeinsame Richtlinien zu
erstellen, was diagnostisch und therapeutisch sinnvoll und machbar ist –
sozusagen ein State of the Art für ganz Österreich.
Frühdiagnostik
ist sekundäre Prävention!
Das
wird auch die Frühdiagnostik entscheidend verbessern. Je frühzeitiger man
erkennt und diagnostiziert, desto sicherer kann man heilen. Das ist für mich
einer der wichtigsten Punkte des Vereins RotePfote:
Aufklärungsarbeit beim Besitzer und beim Tierarzt! Nicht wegschauen … Nein! Die
frühe Diagnostik ist der Weg zur Heilung, man nennt sie daher heute sekundäre
Prävention. Der Tumor ist klein, und ich kann ihn mit einer OP oft heilen.
Abwarten ist das Schlimmste, was man machen kann. Wenn der Tierarzt sagt: ,Es greift sich an wie ein Lipom‘,
hat er recht. Es greift sich so an. Aber es kann ein Mastzelltumor sein, es
kann ein Liposarkom sein, es kann ein sehr weiches
bösartiges Fibrosarkom sein. Wir haben keinen Sensor,
der uns sagt, was das für ein Tumor ist.“
Wichtige Überzeugungsarbeit
ist aber auch noch beim Hundebesitzer selbst zu leisten.
Dr.
M. Willmann: „Das ist immer eine Frage der Kommunikation. Wir müssen die
Botschaft vermitteln, dass Krebs beim Hund therapierbar
ist. Eine Krebserkrankung ist kein Mysterium, sondern in vielen Fällen heilbar
oder die Überlebenszeit des Patienten mit hoher Lebensqualität verlängerbar. Hier
muss man Aufklärungsarbeit leisten, und das ist auch
eine unserer ganz großen Initiativen. Wir wollen Tierbesitzern sagen: Bitte bei
ersten Symptomen nicht die Augen verschließen, sondern nehmen Sie es ernst! Je
mehr man das Ganze beim Hund und bei der Katze annimmt, desto mehr nimmt man es
letztlich auch bei sich selbst an. Es hilft uns allen. Die Reflexion ist
wichtig. Über wie viele Dinge schauen Tierbesitzer auch hinweg. ,Mein Hund hat seit Jahren immer wieder Durchfall, aber es
ist nicht so schlimm.‘ Das höre ich immer wieder. Und am Ende haben wir eine
chronische Entzündung, die zu einem Tumor führen kann, das weiß man heute. Wenn
der Hund jahrelang chronischen Durchfall hat, kann das doch bitte nicht gesund
sein! Auch wenn der Hund läuft, springt, hüpft, sich augenscheinlich wohlfühlt
… Aufklärungsarbeit ist alles!
Ein für die Zucht besonders
relevantes Thema sind Rassedispositionen für bestimmte Tumorerkrankungen. Gibt
es heute bereits Möglichkeiten einer züchterischen Selektion?
Dr.
M. Willmann: „Leider ist es dazu noch zu früh. Wir haben bisher nur eine
Tumorerkrankung, die genetisch hinsichtlich der Veränderung des Erbguts
definiert ist. Das ist das Zystadenokarzinom der
Nieren mit nodulärer Dermatofibrose
beim Deutschen Schäferhund: eine Erkrankung, die Nieren und auch Gebärmutter
betrifft und zusätzlich Knoten im Hautbereich aufweist, die Juckreiz
verursachen. Dieser Erkrankung scheint ein dominanter Erbgang eines
monogenetischen Gendefekts zugrunde zu liegen, sodass man diese Problematik in der Zuchtplanung sehr
leicht steuern kann, indem Merkmalsträger frühzeitig aus der Zucht ausgeschlossen
werden.
Genforschung
und Impfprävention
Es
gibt erste schwedische Studien bezüglich des Mammakarzinoms
und der auch beim Menschen bekannten Risikomutationen. Wenn bei sogenannten Schutzgenen Mutationen bestehen, fehlt uns dieses
Schutzeiweiß und damit die Schutzfunktion. In der Humanmedizin ist das mit
einer sehr schwierigen ethisch-menschlichen Komponente verbunden, in der
Zuchtpraxis beim Hund sieht es anders aus. Hier dürfen und können wir
beeinflussen, was gezüchtet und verpaart wird. Hier kann man selektiv
eingreifen, zum Wohle der Hunde. Erste Studien der schwedischen Forschergruppe
sagen, dass genau dieses Risikogen
auch beim Hund verändert sein kann, und da könnte man natürlich auch innerhalb
einer Rasse eine Risikountersuchung machen. Das ist Arbeit, die noch
bevorsteht. Man müsste schauen, ob es diese Mutation
in der Rasse gibt und ob diese Familien auch tatsächlich erkranken. Wenn man
diese Daten zusammenfügt, könnte man schon eine konkrete Aussage treffen. Ein
anderer Weg führt über die Impfprävention. Wenn bekannt ist, dass eine Rasse eine hohe Neigung zu einer bestimmten
Krebserkrankung hat, stellt sich die Frage, ob man eventuell präventiv impfen
kann. Wir führen derzeit zum Beispiel internationale Gespräche über ein
Impfprogramm gegen den Mastzelltumor beim Boxer. Oder wenn man die bei Greyhounds und Großhunderassen extrem häufig auftretenden Osteosarkome betrachtet. Da steht sicher eine genetische
Disposition dahinter, aber man weiß auch, dass durch
die Belastung im Laufsport Mikrofissuren (kleine Risse) entstehen können,
chronische Entzündungen im Knochen, die das Tumorwachstum begünstigen. In
diesen Fällen mit erhöhtem Risiko zu einer Krebsart wird heute bereits
diskutiert, ob man präventiv impfen könnte. Natürlich kann ich einen Hund nicht
gegen alles impfen, aber wenn ich weiß, dass in
dieser Rasse ein besonderes Risiko besteht, an einer Krebsart zu erkranken und dass die Impfung nicht schadet – das muss
man ganz klar definieren –, sehe ich in diesem Bereich eine potenzielle
Chance.“
Welche Akzente setzt RotePfote für die Zukunft?
Dr.
M. Willmann: „Vor 40 Jahren hat man Chemotherapeutika
mit dem einzigen Ziel hergestellt, sie zur Krebsbehandlung des Menschen
einzusetzen. Erst viel später hat die veterinärmedizinische Onkologie diese
Medikamente aufgegriffen. Vieles hat man mit dem Hund entwickelt und ihm nie
zurückgegeben. Heute sagen wir: Wenn wir gemeinsam arbeiten, haben wir für
beide etwas. Wir sind durch den Vergleich viel effizienter in unserer Arbeit
und wir haben Therapien für Mensch und Hund. Es beginnt im Labor beim Vergleich
der genetischen Ursachen der Tumorerkrankungen zwischen Hund und Mensch und
geht über die funktionellen Untersuchungen neuer Medikamente an Tumorzelllinien von Mensch und Hund im Labor zur Überprüfung
der biologischen Wirksamkeit bis zu klinischen Studien bei Menschen und Hunden.
Jeder dieser Schritte, von der frühen Entwicklungsphase im Labor bis zur
klinischen Studie, ermöglicht durch den Vergleich der beiden Spezies und der
Wirksamkeit der Therapie einen ungeheuren Wissenszuwachs, der ohne diesen
Vergleich nicht möglich wäre. Diese Vision habe ich lange verfolgt, und die
Entwicklung geht im Moment sehr schnell voran. Wir wissen genau, wir haben mit
jeder dieser Forschungsförderungen auch eine neue Therapie für den Hund – wenn
die klinischen Ergebnisse die erwartete Wirksamkeit beim Patienten bestätigen.
Das ist die Vision des Vereins RotePfote, und das ist
auch unser Auswahlkriterium für die Projekte: Es muss
für den Hund Sinn machen!“
Kontakt
und Information:
Dr.
Michael Willmann
Onkologische
Abteilung der Klinik für Interne Medizin und Seuchenlehre
Veterinärmedizinische
Universität Wien
Veterinärplatz
1, A-1210 Wien
Tel.: +43 1 25077 6870
E-Mail: michael.willmann@vetmeduni.ac.at
(Text:
Kerstin Piribauer)